Das Schaf im Wolfspelz

Traurigkeit und Wut - zwei Seiten einer Medaille?!

In einem zauberhaften Königreich, das der Mensch niemals betreten wird oder das er womöglich ständig durchquert, ohne sich dessen bewusst zu sein....

In einem Zauberkönigreich, wo die unsichtbaren Dinge wieder Gestalt annehmen...

war einmal...

...ein wunderbarer kleiner See.

 

In diesem klaren Zaubersee wollten die Traurigkeit und die Wut in stiller Eintracht ein Bad nehmen. Die beiden legten ihre Anzüge ab und stiegen nackt hinein.

 

Die Wut, die es - wie immer - grundlos eilig hatte, nahm ein schnelles Bad und genauso schnell war sie dem Wasser auch schon wieder entstiegen. Doch die Wut ist blind, zumindest weiß sie sich in der Realität nicht so gut zurechtzufinden. Also zog sie, splitternackt und in Eile, beim Herauskommen den erstbesten Anzug an, den sie fassen konnte. So geschah es, dass sie nicht in ihren eigenen, sondern in den Anzug der Traurigkeit geschlüpft war. Und als Traurigkeit verkleidet ging die Wut davon.

 

In aller Ruhe und Bedächtigkeit beendete die Traurigkeit ihr Bad. Am Ufer bemerkte sie, dass ihre Kleider nicht mehr da waren. Wie wir alle wissen gibt es kaum etwas, das der Traurigkeit unangenehmer wäre als ihre Blösse. Also zog sie die einzigen Kleider an, die sie finden konnte: den Anzug der Wut.

 

Man erzählt sich, dass man seitdem manchmal auf eine blinde, grausame, furchtbare und hemmungslose Wut stößt. Aber nimmt man sich die Zeit und schaut etwas genauer hin, so wird man bemerken, dass diese Wut nur eine Verkleidung ist und dass sich hinter dieser Verkleidung in Wahrheit die Traurigkeit verbirgt.

 

nach: Jorge Bucay, Geschichten zum Nachdenken

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